Ultrastarke Limousinen sind keineswegs eine Domäne der Deutschen. Der japanische Lexus IS-F ist eine faszinierende Alternative, wenn es darum geht, Leistung dezent zu verpacken und Fahrspaß in einer dezenten Hülle zu kaschieren.
Die japanische Nobelmarke Lexus ist in Europa zwar weit von der Marktdurchdringung der deutschen Platzhirsche entfernt, doch man hat sich mit anspruchsvollen Ökomobilen eine attraktive Nische geschaffen. Keiner lebt den Hybrid-Gedanken konsequenter als die höher positionierte Toyota-Tochter, nirgendwo ist die Elektrifizierung überzeugender gelöst. Eine Marke ganz nach dem Geschmack umweltbewegter Branchenkritiker also, wäre da nicht noch eine andere Seite, dunkel und von einer Faszination, der man sich kaum entziehen kann: Die Rede ist von den Aktivitäten der Marke unter der Überschrift „F“.
„F“ steht für die Fuji-Rennstrecke, es ist eine Philosophie und eine Kampfansage an die Affalterbacher Legende Mercedes-AMG, an die BMW M GmbH in Garching und auch an die in Neckarsulm ansässige Audi-Tochter quattro GmbH. In ultimativer Ausprägung wird „F“ von dem Supersportwagen Lexus LFA verkörpert, der praktisch alles in den Schatten stellt, was aus Deutschland oder Italien in seinem Segment zu bekommen ist. Am unteren Ende der Skala rangieren die F-Sport-Pakete, die den Charakter der profaneren Lexus-Typen schärfer nachzeichnen. Dazwischen liegt der IS-F – eine 311 kW/423 PS starke Ableitung der IS-Limousine, die direkt auf den BMW M3 und den Mercedes-Benz C63 AMG zielt.
Der hinterradgetriebene Lexus IS, eine kompakte Sportlimousine von klassischen Proportionen, ist eine perfekte technische Basis für die F-Variante mit ihrem leistungsgesteigerten Fünfliter-V8. Er arbeitet unter einer sichtbar aufgewölbten Vorderhaube, seine Maximalleistung liegt bei 6.600 U/min an, das für einen Saugmotor außergewöhnlich hohe Drehmoment von 505 Nm wird bei 5.200 U/min abgerufen. Resultat: Der Spurt von 0 auf 100 km/h dauert nur 4,8 Sekunden, und die Spitzengeschwindigkeit liegt bei abgeregelten 270 km/h. Damit legt der IS-F eine komfortable Distanz zwischen sich und die deutschen Angebote, die sich nach wie vor – zumindest im Serientrim – einer in den 80er Jahren eingegangen Selbstverpflichtung unterwerfen und bei 250 km/h aussteigen. Der kombinierte Verbrauch wird mit 11,6 Litern pro 100 Kilometer angegeben – und der Wert lässt sich bei zurückhaltendem Gasfuß auch erreichen.
Diese Zurückhaltung fällt im IS-F allerdings außergewöhnlich schwer, denn der bei niedrigen Drehzahlen als brave Unschuld auftretende Achtzylinder ändert seinen Charakter bei rund 4.000 U/min fast wie auf Knopfdruck. Dann nähert sich der Motor seinem Leistungs- und Drehmomentmaximum, und die Kombination aus Ansaug-, Verbrennungs- und Auspuffgeräusch nimmt einen fulminanten Charakter an. Je schärfer der Wagen herangenommen wird, desto aufmerksamer interpretiert er die Befehle des Fahrers. Die normalerweise sanft schaltende Achtgang-Automatik wirft dann blitzartig den gewünschten Gang ein, untermalt von aufbellendem Zwischengas, und der Japaner giert mit seinem Torsen-Sperrdifferential förmlich danach, die nächste Kurve im kontrollierten Drift zu nehmen. Das fällt mit diesem Auto außergewöhnlich leicht, doch der Fahrer sollte darauf vorbereitet sein – und gerade bei Nässe die Kraft nicht unterschätzen, die auf die Hinterräder geleitet wird. Die von Brembo zugelieferte Bremsanlage packt bissig zu und ist auch hoher Dauerbelastung gewachsen.
Trotz seiner Talente als Extremsportler taugt der IS-F auch als Langstreckenauto. Die Federung ist straff, der Komfort zufriedenstellend. Zum Wohlbefinden trägt das dem Klassenstandard entsprechend geräumige Interieur bei, das in dieser Variante mit Sportsitzen und silbern schimmernden Glasfaser-Applikationen aufgewertet wird. Die Instrumentierung mit dem dominanten Drehzahlmesser und digitaler Geschwindigkeitsanzeige ist betont sportlich ausgeführt, der an die Seite geschobene analoge Tachometer erfüllt eher eine Zierfunktion. Übrigens wartet der 70.600 Euro teure IS-F mit einer überaus kompletten Serienausstattung aus, zu der ein Festplatten-Navigationssystem mit inzwischen etwas angestaubter Graphik gehört. In der kompakten Aufpreisliste figurieren nur noch die Metallic-Lackierung, ein Glasschiebedach und eine überteuerte Kombination aus adaptivem Tempomat und Pre-Crash-System. Im Vergleich zu seinen eingangs erwähnten Konkurrenten kann der starke IS-F ohne Abstriche mithalten. Dem Image der Marke tut er ohnehin gut. Denn so gerne man sich per Elektrifizierung und Hybridmodulen als Retter der Umwelt inszeniert – faszinierender ist doch stets die dunkle Seite. Vor allem, wenn sie in solcher Perfektion auftritt. SP-X