Die Bundesbank will sich von ihrem umstrittenen Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin trennen: Der Vorstand der Notenbank beschloss einstimmig, bei Bundespräsident Christian Wulff die Abberufung des wegen seiner Thesen zur Migration heftig kritisierten Ex-Politikers zu beantragen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nahm die Entscheidung "mit großem Respekt" zur Kenntnis.
Sarrazin war wegen seiner Thesen zur angeblich mangelnden Integrationsfähigkeit von Migranten und Aussagen über ein angebliches spezielles Gen von Juden in die Kritik geraten. Politiker aller Parteien hatten auch massiven Druck auf die Bundesbank ausgeübt. Neben dem Antrag auf Abberufung entzog die Bundesbank Sarrazin seine sämtlichen Geschäftsbereiche. Bislang war der frühere Berliner SPD-Finanzsenator für die Bereiche Revision, Risiko-Controlling und Informationstechnologie zuständig gewesen.
Bundespräsident Wulff kündigte an, den Antrag zu prüfen. Bis zu einer Entscheidung könne er keine weitere Stellung beziehen. Merkel nahm die "unabhängige Entscheidung" des Bundesbanksvorstands "mit großem Respekt zur Kenntnis", wie ein Sprecher der Bundesregierung mitteilte. SPD-Chef Sigmar Gabriel erklärte, es handele sich um "eine konsequente Entscheidung". Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), erklärte, "das Stoppschild für Sarrazin wendet Schaden von der Bundesbank, von Deutschland und dem Ansehen unseres Landes in der ganzen Welt ab".
Grünen-Fraktionschefin Renate Künast betonte, sie hoffe, dass nun die notwendige Ruhe und der Raum einkehre, um mit Respekt vor Menschen und Religionszugehörigkeiten und zugleich entschlossen darüber zu reden, was zur Integration getan werden müsse. Linken-Chefin Gesine Lötzsch nannte den Schritt der Bundesbank "überfällig". Es müsse aber sichergestellt werden, dass Sarrazin keinen "goldenen Handschlag" bekomme.
Ungeachtet der heftigen Debatte und breiten Kritik aus der Politik entwickelt sich Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" immer mehr zu einem Bestseller. Wie ein Sprecher der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) auf Anfrage sagte, läuft gerade der Druck der sechsten Auflage des Sarrazin-Buchs. Die Gesamtauflage erhöhe sich damit auf 250.000.